„Die Individualdistanz ist der persönliche Wohlfühlradius um ein Lebewesen (Mensch oder Tier), der von anderen nicht unterschritten werden sollte, um Stress, Angst oder Aggression zu vermeiden. Sie ist eine unsichtbare Grenze, variiert je nach Art, Individuum, Situation und Erfahrung und dient dem Schutz vor Bedrohung.“
Sie ist die Distanz zu Artgenossen, die ohne Flucht- oder Angriffsreaktion geduldet wird. Ein zu nahes Herantreten (besonders bei Fremdhunden) kann dazu führen, dass der Hund durch Knurren oder Schnappen seine Distanz einfordert.
Liegt Vertrauen oder sogar Zuneigung vor kann die Individualdistanz im Vergleich zu fremden, unbekannten Individuen auch weit unterschritten werden. Die Einhaltung der erforderlichen Individualdistanz ist eine Sache des Respekts. Das gilt genauso für Menschen als auch für Hunde.
Was würdest Du sagen, wenn jemand auf Dich zukommt, Face2Face im Abstand einer Nasenlänge vor Dir steht, Dir in die Augen blickt und Dich sabbernd blöd volllabert ? Oder noch besser, er nimmt Dich dabei an der Hand oder streichelt Dir über die Schulter ? Deine Reaktion wäre im freundlichsten Fall eine harsche Zurückweisung in weiterer Folge eine schallende Ohrfeige, ein Tritt in die Eier oder ein Schlag mit der Faust ins Gesicht.
Genau so ist das bei unseren Hunden. Diese haben auch ein Recht auf ihre Individualdistanz. Sie zeigen die Unterschreitung bzw. das unwohl sein durch ihre Calming Signals.
Dazu gehört das Beschwichtigen, das Knurren, das Schnappen aus Zurechtweisung und in letzter Konsequenz das Beschädigungsbeissen.

Ein Beispiel für dieses Thema ist mein heutiger Vorfall:
Ich gehe mit Atari (angeleint) die Hauptstraße entlang, hinter einem Zaun eine Hündin, die heraus bellt. Ich gehe mit Atari, die schon sehr aufgeregt war weiter und – schwupps! – löst der Hund eine Latte am Zaun und startet auf Atari zu um mit ihr zu spielen. Zugegeben, es war nicht böse gemeint, allerdings wurde die Individualdistanz vom fremden Hund massiv unterschritten, was dazu führte dass Atari von der Beschwichtigung bis zum Drohen das volle Programm abspielte. Die fremde Hündin hatte das aber noch immer nicht kapiert und startete pausenlos auf meine Hündin zu. Ich hatte jede Menge zu tun die beiden auseinander zu halten und blockierte meinen Hund mit der Leine und die fremde Hündin. Daneben stand die Besitzerin hilflos herum und rief immer nur „Was soll ich machen ?“ „Bitte nehmen Sie ihren Hund !“ Der Hund hörte selbstverständlich nicht auf den Rückruf, und meine Malinoishündin erreichte bald Defcon1, also die totale Eskalation. Letztendlich gelang es der Besitzerin ihre Hündin zu sichern und in den Garten zu bringen. Atari entspannte gleich und wir gingen weiter unseres Weges.
Warum ist das so wichtig…
So ein Vorfall ist aus folgender Sicht mehr als ungut.
1.) Mein Hund lernt mit drohen und schnappen Situationen zu lösen und wird dieses Verhalten in Zukunft möglicher Weise öfters zeigen.
2.) Der andere Hund hat gelernt, dass der Zaun ihn nicht aufhält und wird dieses Verhalten ebenfalls häufiger zeigen.
3.) Ein Hund kann den anderen massiv verletzen.
4.) In solchen Situationen kann es passieren, dass man vom fremden Hund gebissen wird
5.) Und es kann auch passieren, dass man vom eigenen Hund gebissen wird (Ersatzhandlung durch Frustration)
Tipps
Daher folgende Tipps für unbelehrbare Hundehalter:
1.) Dein Hund ist kein Engel, lustiger Clown oder kleiner Spaßvogel, der alles darf. Natürlich darf er Kontakt zu anderen Hunden aufnehmen. Dazu gibt es eine Hundezone, oder man lädt befreundete Hunde zu sich in den Garten ein, falls möglich.
2.) Es muss nicht jeder Hund mit jedem Hund spielen müssen.
3.) Der andere Hund hat Recht auf Respekt und Individualdistanz. Auch der Hundeführer des anderen Hundes hat dieses Recht und muss sich und seinen Hund nicht von freilaufenden, fremden Hunden belästigen lassen.
4.) Wenn man unfähig und ignorant ist einen Hund zu verwahren bzw. zu führen, sollte man sich lieber keinen Hund nehmen. Meerschweinchen und Goldfische können in so einen Fall eine gute Alternative sein und viel Freude bereiten.
Ich hoffe ich konnte euch vermitteln, was Individualdistanz bedeutet, und welche Probleme bei Unterschreitung entstehen können.